Wie die Reblaus-Katastrophe die ganze Weinwelt veränderte

Für viele Weinliebhaber sind europäische Weine das Maß aller Dinge. Weine aus der Neuen Welt sind kaum bekannt oder werden kritisch beäugt. Doch hätten Sie gedacht, dass die europäische Weinkultur, die wir heute kennen, auf amerikanischen Wurzeln beruht? Denn im 19. Jahrhundert war die europäische Weinwelt vom Aussterben bedroht. Die Rettung kam aus Amerika.

04.10.2020
  • Lesezeit ca. 2:30 Minuten
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    04.10.2020
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Weinreben auf einem Weinberg
© Didgeman/pixabay.com

Zugegeben, auch die Katastrophe selbst stammte aus Amerika. Die winzige, aber zerstörerische Reblaus wurde nach Europa importiert und sorgte hier für die wohl größte Bedrohung, die die Weinwelt je erlebt hat.

Das rätselhafte Reben-Sterben im 19. Jahrhundert

Ende des 19. Jahrhunderts bahnte sich in Europa die Reblaus-Katastrophe an. Begonnen hatte alles im Jahr 1863: In Frankreich meldete man unbekannte Rebkrankheiten und in England wurden unbekannte Insekten an amerikanischen Reben entdeckt. Im Laufe der Zeit häuften sich die Berichte von befallenen und sterbenden Reben, sodass im Jahr 1868 eine Kommission gegründet wurde, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Phylloxera vastatrix: Die zerstörerische Laus

An den sterbenden Reben entdeckten Mitglieder der Kommission bald kleine Insekten, die an Läuse erinnerten. Die heute als Reblaus bekannten Insekten wurden damals Phylloxera vastatrix genannt, also zerstörerische Laus. Den bemerkenswerten Namen erhielt die kleine Laus nicht ohne Grund: Während ihrer Fortpflanzungsphase ernährt sich die Reblaus zunächst von den Blättern und später von den Wurzeln der Reben. Den Blätterbefall können Reben verkraften, doch an den Wurzeln verursacht die Reblaus solche Schäden, dass die Pflanzen daran sterben.

Bis 1900 hatte die Reblaus einen Großteil der europäischen Weinbauflächen zerstört. Etwa drei Viertel fielen ihr zum Opfer. Allein in Frankreich wurden 2,5 Millionen Hektar vernichtet. Und auch Weingärten in Südafrika, Neuseeland und Australien waren mittlerweile von der Reblaus befallen.



Wie kam die Reblaus nach Europa?

Die Reblaus wurde aus Amerika nach Europa importiert. Denn im 19. Jahrhundert waren amerikanische Pflanzen in Frankreich und England beliebt. Auch Weinreben wurden importiert. Zwar konnten sie nicht für den Weinbau eingesetzt werden, weil ihr typischer Geschmack den Europäern nicht zusagte. Doch als Zierpflanzen wurden amerikanische Weinreben gerne eingesetzt. Auf Dampfschiffen konnten lebende Pflanzen recht einfach transportiert werden. Und so konnten vermutlich auch die Rebläuse die lange Reise überleben. Möglich ist aber auch, dass Reblaus-Eier an Kleidungsstücken hafteten und so nach Europa importiert wurden.

Europäische Weine bekommen amerikanische Wurzeln

Während die Reblaus für europäische Weinreben zum tödlichen Feind wurde, blieben die amerikanischen Pflanzen weitgehend unberührt. Da die Reblaus in Amerika heimisch und verbreitet war, hatten die Reben eine Resistenz entwickelt. Eine Tatsache, die später bei der Bekämpfung der Reblaus-Katastrophe eine entscheidende Rolle spielen sollte. Bis es jedoch soweit war, wurden massenhaft andere Methoden getestet, um die Reblaus zu bekämpfen. Die französische Regierung versprach sogar Preisgelder für gute Ideen. Doch keiner der vielen Versuche hatte Erfolg. Man flutete die Weingärten mit Wasser, setzte hochgiftigen Schwefelwasserstoff ein und vergrub tote Kröten im Wurzelbereich der Reben. Doch der Reblaus konnten all diese Versuche nichts anhaben.

Erst die Überlegung, warum die Reblaus in Amerika nie für Aufsehen gesorgt hatte, aber in Europa ein Massensterben der Reben verursachte, führte zur zündenden Idee. Der Schlüssel lag also in den resistenten Wurzeln der amerikanischen Reben. So begannen schon in den 1880er Jahren die ersten Versuche, amerikanische Wurzeln mit europäischen Rebsorten zu veredeln. Die europäischen Rebsorten wurden auf die amerikanischen Unterlagen aufgepfropft. Auf diese Weise konnten die europäischen Rebsorten und ihre geschätzte Qualität erhalten werden.

Heute wachsen ca. 85 Prozent aller Rebsorten weltweit auf amerikanischen Wurzeln. Nur wenige konnten die Katastrophe auf den eigenen Wurzeln überstehen. In Chile und Zypern zum Beispiel wütete die Reblaus nicht. Das haben die Länder ihrer geographischen Isolation zu verdanken. In Südaustralien konnte die Katastrophe durch strenge Regulierung des Imports teilweise abgewendet werden. Außerdem hat sich bald herausgestellt, dass sehr sandige Böden für die Reblaus nicht attraktiv sind. Deshalb gibt es auch in Deutschland und anderen Gebieten Europas vereinzelte Überlebende.


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