Haben Weine aus alten Reben eine bessere Qualität?

Beim fertigen Wein ist fast jedem Weinliebhaber der Zusammenhang von Lagerdauer und Qualität bekannt. Insbesondere bei Rotweinen kann die Qualität über eine lange Lagerung gesteigert werden. In manchen Kellern finden sich gar Weine aus einem anderen Jahrhundert. Doch spielt bereits auch das Alter der Rebe eine Rolle für die Qualität des fertigen Weins?

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Dunkle Weinreben hängen an einem alten, knorrigen Baum
© Mike Deed/www.pexels.com

Sind es die jungen, vitalen Reben, die besonders gute Trauben und damit eine hervorragende Weinqualität bringen? Oder sind es doch eher die alten, an die Umgebung seit vielen Jahren angepassten Stöcke, die Grundlage für Spitzenweine sind? Schließlich wurden die Reben im Weinberg in der Historie meist für mehrere Jahrzehnte bis hin zu Jahrhunderten kultiviert. Heute werden Weinberge jedoch oft nach 25 Jahren gerodet und neu bestückt. Welcher Weg ist nun also der bessere?

Vor- und Nachteile alter Reben

Landläufig wird oft die Meinung vertreten, dass der Wein umso besser wird, desto älter die Rebe ist. Diese Weisheit hat einen wahren Kern – schließlich werden Aroma und Geschmack gegenüber jungen Reben oft besser bewertet. Demgegenüber steht jedoch der schwindende Ertrag. Mit zunehmendem Alter einer Rebe nehmen die Ernteerträge kontinuierlich ab, sodass Weine aus alten Reben meist höherpreisig verkauft werden müssen. Das Motto des Winzers für einen alten Weinberg lautet also stets: „Mehr Klasse, weniger Masse.“
Alte Rebstöcke überdauern meist mehrere Winzergenerationen. Diese Reben haben sich perfekt an die Voraussetzungen ihrer Umgebung adaptiert. Ihre Wurzeln können bis zu 20 Meter in den Boden reichen, sodass die ausreichende Wasserversorgung – verbunden mit einem guten Wachstum – auch während langer Trockenperioden gewährleistet ist. Durch die tiefen Wurzeln spiegeln die alten Reben ebenfalls die Besonderheiten der Bodenverhältnisse einer Lage wider, die in der Folge auch im fertigen Wein zu schmecken sind.
Durch die geringere Anzahl an Beeren pro Stock und den über die Jahre nachlassenden Blattwuchs bekommen die einzelnen Trauben alter Reben im Schnitt mehr Sonne ab. Dies ist für das Wachstum und die Extraktbildung vorteilhaft, wodurch solche Weine meist auch höhere Alkoholgehalte aufweisen. Auch der Charakter und die Farbe werden im Vergleich zu Weinen aus jungen Reben oft als intensiver beschrieben. Weine aus Trauben alter Reben besitzen zudem in der Regel ein besseres Reifepotenzial und sind damit häufig Grundlage für hervorragende Qualitätsprodukte.

Im Übrigen: Der Zusatz „alte Rebe“ auf dem Etikett einer Weinflasche als Werbung ist zulässig – jedoch ausschließlich, wenn die Trauben von Reben stammen, die älter als 25 Jahre sind.



Lebenszyklus eines Weinstocks

Winzer beschäftigen sich natürlich mit der alltäglichen Arbeit im Weinberg und im Keller. Sie dürfen dabei jedoch nie das große Ganze aus dem Blick verlieren. Schließlich denken Winzer oft in Jahrzehnten oder sogar Generationen. Vorausschauendes Denken und Handeln – auch im Hinblick auf klimatische Veränderungen – ist bei der Bestockung eines Weinbergs essenziell. Die besten Qualitäten in einem Weinberg werden oft erst von der nächsten oder übernächsten Generation einer Winzerdynastie geerntet. Bis zum Erreichen dieses Zeitpunkts ist eine eindringliche Pflege der Weinstöcke notwendig, die viele Stunden intensiver Arbeit bedingt.

Wird ein Weinberg neu bestückt, wird zunächst die Unterlagsrebe gepflanzt. Diese bringt die notwendige Resistenz gegen die Reblaus mit. Auf diese Unterlage werden anschließend sogenannte Edelreiser aufgepfropft. Nach einer Vegetationszeit von drei bis fünf Jahren kann erstmals geerntet werden. Den Höhepunkt hinsichtlich des zu erwartenden Ertrags erreicht eine Weinrebe meist nach ungefähr zehn Jahren. Anschließend sinkt die Erntemenge kontinuierlich. In der Vergangenheit wurde daher meist nach 25 Jahren über die Bestückung eines Weinbergs mit jungen Rebstöcken nachgedacht. Auf diese Weise kann auch auf etwaige aktuelle Verbrauchertrends hinsichtlich der Rebsorten reagiert werden. Doch ist in den letzten Jahren zu beobachten, dass Winzer wieder verstärkt auf den Erhalt alter Weinstöcke setzen und so qualitativ noch hochwertigere Weine erzeugen können. Sie reagieren damit auf das gesteigerte Qualitätsbewusstsein vieler Kunden.

Die älteste Rebe der Welt – und Deutschlands

Die weltweit älteste, noch tragende Weinrebe ist leider nicht in deutschen Weinbergen zu finden. Stattdessen wächst sie in der slowenischen Stadt Maribor an der Drau. Unweit des Flussufers ziert der Weinstock die Fassade eines Hauses, in dem heute übrigens ein Museum rund um den Weinbau und den berühmten Weinstock zu finden ist. Der Rebstock – es handelt sich um die Sorte Blauer Kölner – wird im Slowenischen auch als „Stara trta“ bezeichnet. Dieser ist nachweislich über 450 Jahre alt – ein Rekord, der es sogar zu einem Eintrag ins Guinnessbuch gebracht hat.
Um die Pflege der Rebe kümmert sich ein Gremium aus erlesenen Experten. In Slowenien gilt die Mitgliedschaft darin als besondere Ehre. Die Lese im Herbst gleicht einem Volksfest und dauert mehrere Tage. Die Bürger haben „Stara trta“ dabei sogar eine eigene Hymne gedichtet. Der jährliche Ertrag liegt jedoch meist nicht über 50 kg, wodurch das gekelterte Weinvolumen ebenfalls überschaubar ist. Abgefüllt in Kleingebinden wird der Wein vom Bürgermeister der Stadt an verdiente Persönlichkeiten zu besonderen Anlässen verschenkt. Zum Verkauf wird diese Rarität hingegen nicht angeboten.
Und in Deutschland? Die älteste Weinrebe auf deutschem Boden ist ein Gewürztraminer. Er wächst im Rhodter Rosengarten in der Pfalz und liefert jährlich noch bis zu 300 Liter Wein. Das Alter des Rebstocks wird immerhin auf nahezu 400 Jahre geschätzt.


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